Farbsysteme und Farbenkollektionen

Die 130 Anstrichmuster des Wilhelm Sattler Schweinfurt mit dem berüchtigten Schweinfurtergrün, – 1826 in Dingler’s Polytechnisches Journal

Polytechnisches Journal Gottfried Dingler

Ende des 18. und insbesondere zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden zahlreiche Pigmente entdeckt, zum Beispiel Chromfarben, künstliche Kupferfarben wie das Schweinfurtergrün, künstliches Ultramarinblau, Blauer Karmin. Diese Pigmente, auch Farbmittel oder kurz, aber nicht ganz richtig, Farben, genannt, sind unter vielen anderen in der nebenstehend gezeigten und nachfolgend beschriebenen Tafel enthalten.

1826 wird im Neunzehnten Band der zu jener Zeit wichtigsten deutschen Zeitschrift für Technik, das war „Dingler’s Polytechnisches Journal“, die Tafel unter dem Titel „Anstrich Muster mehrerer Farben aus der Fabrik von Wilhelm Sattler in Schweinfurt a/M“ veröffentlicht.

Sattler (1784-1859) ist der Erfinder der 1814 begonnenen industriellen Fertigung des berühmt-berüchtigten, in kühler Schönheit strahlenden aber wegen seines Arsengehalts tödlich-giftigen Schweinfurtergrüns. Dessen Vorläufer waren das Grün des schwedischen Pharmazeuten und Chemikers Carl Wilhelm Scheele von 1778 und das von dem österreichischen Chemiker Ignaz Edler von Mitis in Wien von 1800. Die Farbmuster-Tafel von Sattler sollte den Vorsprung belegen „die schönen Farben wohlfeil darstellen zu können“, den die deutsche Farbenindustrie vor der französischen habe.

Vorausgegangen war 1825 in Dingler’s Band 17 eine „Übersicht der französischen Industrie“ mit einer positiven Vorstellung chemischer Produkte, u.a. auch von Farben. Begleitet wurde die Veröffentlichung durch kritische Anmerkungen der Redaktion des Journals und die Ankündigung der Tafel von Sattler zum Beweis der Überlegenheit deutscher Produkte.

Für den erfindungsreichen, geschäftstüchtigen Sattler war das eine willkommene Gelegenheit an attraktivem Ort, in Dingler’s Journal, für seine Farben zu werben.

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Die Farbmuster-Tafel

Anstrich Muster aus der Fabrik Wilhelm Sattler Schweinfurt a/Mvon

Sie bietet mit ihren 130 Mustern eine recht umfangreiche Auswahl der Pigmente, die 1826 zur Verfügung standen. Sie ist wohl die früheste Visualisierung eines so umfangreichen Angebots eines Farbenherstellers. Gezeigt werden hauptsächlich ungemischte, sozusagen einfache Pigmente – zumindest den Bezeichnungen nach und von Ausnahmen wie grünem Zinnober abgesehen, der aus Berlinerblau und Chromgelb gemischt ist.

Die Darstellung der Farben so vieler einfacher Pigmente macht die Besonderheit von Sattlers Tafel aus. Die früheren Farbsysteme z.B. von Lambert (1772) und von Pfannenschmid (1781) und die früheren Farbsammlungen wie die von Prange (1782) oder das Wiener Farbenkabinett (1794) enthielten zum weitaus größten Teil Farben die aus einer geringen Anzahl von „Grundfarben“ gemischt waren.

Bei den Farbsystemen sollten die ermischten Farben den Aufbau des Systems veranschaulichen, bei den Farbsammlungen die Vielzahl möglicher Nuancen*1.In der Mustertafel aber sollten die gezeigten 130 Nuancen, die „…sich durch Mannigfaltigkeit und Reinheit selbst empfehlen…“ „…auf die Erzeugnisse einer vaterländischen Anstalt aufmerksam…“ machen, „welche sich für ihr Fach schon in mehrfacher Beziehung ausgezeichnet hat“*2, nämlich auf die Fabrik und die Produkte von Wilhelm Sattler.

Unterschiedliche und unterschiedlich sorgfältige Typografie des Titels der Tafel wie auch von Farbbezeichnungen in dem Exemplar des Autors und dem der Sächsischen Landesbibliothek weisen auf zumindest zwei Versionen der Tafel hin.

Die vorgefertigten Anstrichmuster sind so wie auch im Wiener Farbenkabinett einzeln in die dreimal gefaltete Tafel montiert. Bei Pfannenschmid und bei Prange sind die Farben direkt auf die Tafel aufgemalt.*3

*1 siehe dazu: Andreas Schwarz: Farbsysteme und Farbmuster. Die Rolle der Ausfärbung in der historischen Entwicklung der Farbsysteme. BDK-Verlag Hannover 2004
*2 aus: Farben und Erzeugnisse des Herrn Wilhelm Sattler in Schweinfurt. In: Kunst- und Gewerbeblatt des Polytechnischen Vereins für das Königreich Bayern Band 12 (Google Books)
*3 siehe dazu: Robert Fuchs: Farbmusterbücher-Spiegel der Farbindustrie. In: Farbmetrik und Farbenlehre – Die Sammlung Friedrich Schmuck

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Der Zustand der Farbmuster

Grüne Tapete Wilhelm Sattler

”… die grüne Farbe zur Tapete meist gewählt wird.”*5

Deutlich dunkel verfärbt haben sich wie so oft die Mennig-Farben, sowie ein Chromgelb (160) und ein Mineralgelb (256). Abplatzungen gibt es an Mustern von Berggrün, Bergblau und schwedischem Mineralgrün (Scheele’s Grün). Die übrigen Muster sind gut erhalten.

Bemerkenswert an der Verteilung der Farben auf die oben genannten Farbbereiche ist die große Zahl grüner und blauer Farben und die sehr geringe von weißen und violetten. Bei den zahlenmäßig so stark vertretenen grünen und blauen Farben ist jedoch zu beachten, dass es bei denen ebenso wie auch bei den gelben relativ viele Muster mit nur geringen Unterschieden und zum Teil gleichen Benennungen gibt, so beim Schweinfurtergrün, das siebenmal gezeigt wird.

Die Farben

Farbbereich Anzahl der Farbmuster Anzahl unterschiedlicher Farbbezeichnungen
grün 35 18
blau 28 17
rot 19 16
gelb 16 8
braun 6 6
ocker 5 5
bronze 5 5
schwarz 4 2
orange (rot) 3 3
rosa 3 3
umbra 3 3
weiß 2 1
violett 1 1

Kein Wunder jedoch, dass Grün zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen so hohen Stellenwert erlangte, dass es bei Sattler die am häufigsten gezeigte Farbe wird und dass, laut Goethe, „…für Zimmer, in denen man sich immer befindet, die grüne Farbe zur Tapete meist gewählt wird.“*4

Denn endlich gab es jetzt grüne Farben, die nicht mehr oder weniger vergraute Mischfarben waren, wie grüner Zinnober aus Gelb und Blau, sondern solche von großer Brillanz und hoher Beständigkeit.

*4 J.W. Goethe: Schriften zur Farbenlehre I. Didaktischer Teil, Sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe 802. Phaidon Verlag
*5 Bild aus: Peter Thornton, Innenarchitektur in drei Jahrhunderten, Busse + Seewald, Herford, 1985

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Die Bezeichnungen der Farben

Einige der von Sattler verwendeten Bezeichnungen sind heutzutage gänzlich unbekannt:

Buchgrün, Foliolack, Friesgrün (Friesischgrün = Schweinfurtergrün), Kugellack („rote Farbe in runden mit Kreide versetzten Kugeln“*6), Louisenblau (eine aufgehellte Sorte von Berlinerblau), Pickelgrün (= Schweinfurtergrün), Prinzessblau.

Allgemein verständlich sind die Bezeichnungen der „klassischen“, auch heute noch gebräuchlichen Farbensprache, die auf die Herkunft einer Farbe verweisen. Das kann die geografische Herkunft sein mit der Benennung des Fundorts z.B. Terra de Siena, der Erde von Siena oder des Herstellungsorts wie beim Schweinfurtergrün. Es kann aber auch die chemische Herkunft sein z.B. beim Chromgelb oder die Herkunft von einem Material wie dem Rußschwarz.

Unmittelbar verständlich sind Bezeichnungen, die auf ihre Anwendung hinweisen wie Druck-Schwärze. In über 80% der Farbbezeichnungen gibt bei Sattler ein Grundfarbwort den Farbton- bzw. den Farbbereich an z.B. bei den Farbwörtern Saftgrün, Engl. Bergblau, Gelber Ocker, Kesselbraun. Die in der Reihenfolge der Häufigkeit verwendeten Grundfarbwörter sind Grün, Blau, Gelb, Rot, Ocker, Braun und Schwarz, Umbra, Orange und Weiß, Rosa, Violett und Gold.

17 Jahre später

„Dingler’s Polytechnisches Journal“ veröffentlicht 1843 im 90. Band eine Übersicht „Über die gegenwärtig im Handel vorkommenden und in der Technik angewendeten Farbesorten und ihre Unterscheidung mit besonderer Rücksicht auf Giftfarben; von Dr. Stöckhardt.“

Der Chemiker Julius Adolph Stöckhardt listet die Farben auf die von 13 der „namhaftesten deutschen Farbefabrikanten“ angeboten werden. Er nennt Merkmale der Eigenschaften und Qualitäten der aufgeführten Farben wie Deckkraft (englisches Grün) oder Feurigkeit und Giftigkeit (Schweinfurtergrün), nennt aber auch alternative Namen („Berlinerblau… heißt … noch: preußisches, sächsisches, Luisen-, Zwickauer-, Erlanger-, Oehl-, Neu-, Wasch-, Wasser- und Hortensienblau“). Er gibt Lieferformen an (Bergblau „kommt meistens als schön blaues Pulver, selten als eine krümliche Masse vor“) sowie chemische Zusammensetzungen („die geringeren Sorten enthalten fast immer Arsenik“), Erscheinungsformen („kupfriger Schein“), Anwendungsgebiete („Als rothe und violette Conditorfarben sind zu gebrauchen: …“), Preise („8-40 Thlr. à Pfd“).

Stöckhard nennt Sattlers Namen nicht, aber dessen Fabrik, als die, in der das Schweinfurtergrün erfunden wurde, neben dem Englischen Grün „Hauptrepräsentant der grünen Malerfarben“. Er weist ausdrücklich auf eine ihm bekannte sächsische Fabrik hin, die jährlich 30.000 Pfund Schweinfurtergrün produziert. Trotz solcher Konkurrenz produzierte man in Sattlers Schweinfurter Farbenfabrik bis 1930.

*6 In: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm.

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